Eröffnungsrede Gersthofen
19.03.2005
Ursula Winkler
Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kunstfreundinnen und Kunstfreunde,
wir kommen heute Abend hier zusammen, um die Bildwelt von Pit Kinzer zu erleben. Es ist meine Aufgabe, Ihnen diese Welt ein bisschen nahe zu bringen. Ich tue das inzwischen zum dritten Mal – jedes Mal bietet der Künstler eine völlig neue Werkphase und ich muss für jede Laudatio ganz von Neuem anfangen. Bei den aktuellen Bildern, die hier in Gersthofen erstmals in dieser Fülle in Vollkommenheit zu sehen sind, handelt sich nicht um Malerei, nicht um Fotografie, sondern um digitale Fotokunst oder fotografische Digitalkunst, um Fotografik, um das Gegenteil der klassischen Fotografie.
Unter „Stadtistisches“ finden wir hier und heute Eyrish Stew, Amsterdamned, Shanghaied, Wienzig und Berliny Pie. Titel, die man sich auf der Zunge zergehen lassen kann.
Schon jetzt möchte ich Sie darauf aufmerksam machen, dass morgen die nächste Werkeröffnung von Pit Kinzer statt findet. Im Rahmen des Kunstfrühlings Bad Wörishofen ist dort seine Installation „Familiengrab“ zum Thema „60 Jahre Kriegsende“ zu sehen.
Während viele junge Künstler sich gegenwärtig der Ästhetik völlig verweigern, benutzt Kinzer vorhandene Aufnahmen, bereitet sie grafisch auf und lädt sie zusätzlich ästhetisch auf. Hier erkennt man den Mann des Internets, den Medienmann, den weltweiten Surfer und gefragten Medienberater. Selbst die Einladungskarte zur Ausstellung „Stadtistisches“ gibt diesen Reportagestil wieder. Gleichzeitig macht er aus seiner Skepsis gegenüber dem allgegenwärtigen Medium der Fotografie keinen Hehl.
Ein Blick auf die Vita:
Pit Kinzer wurde am 9. April in Ottobeuren geboren, vor gerade noch 53 Jahren. Er hat eine vielfältige Ausbildung als Schriftsetzer und Architekt. Die Beziehung zum gebauten Raum, zu Siedlungen und Städten ist unverkennbar. Seit 1978 arbeitet er als freischaffender Maler, Grafiker und Medienkünstler; sein Atelier, das aus einer Galerie, einer Werkstatt und einem Multimediacockpit besteht, ist in Markt Rettenbach im Allgäu. Lange wirkte Pit Kinzer in Augsburg. Dort erhielt er seine ersten Preise, 1982 den Kunstförderpreis der Stadt Augsburg für Literatur, 1987 den Kunstförderpreis der Stadt Augsburg für Bildende Kunst.
Für einen seiner Fotodigitaldrucke, die Arbeit „Amsterdamned 03/08“, wurde Pit Kinzer in der Kunstausstellung zur Allgäuer Festwoche in Kempten 2002 mit dem Alfred-Oberpaur-Kunstpreis ausgezeichnet. Der Titel enthält ein für ihn charakteristisches Wortspiel: Amsterdam - damned. Immer wieder scheint Kinzers Verwurzelung in der Literatur auch in seiner Bildenden Kunst auf. Die Jury würdigte ihn als Meister der subtilen Atmosphäre. Er führt sein Publikum auf eine Spur von Assoziationen. Vordergründig sieht man eine ruhige Grafik in Blautönen. Diese scheinbare Ruhe wird irritierend gestört durch eine Tiefe und Dichte, die er raffiniert erzeugt. Der Werkprozess lässt sich technisch leicht erklären, es ist ein fotografisches Verfahren, aber darüber will ich nicht zuviel erzählen. Es handelt sich „nur“ um Fotografik, die in ihrer Stimmung an Filme erinnert wie „Das Boot“ oder „Casablanca“. Die Darstellung bewegt sich auf der Grenze zwischen Abbild und Abstraktion. Sie beinhaltet nur Gegenständliches, löst es indes in Stimmung, in eine Landschaft mit vielschichtiger Atmosphäre und großer poetischer Qualität auf. Die Bilder wirken menschenleer, sie lassen jedoch Zivilisation und menschliche Existenz komplex sinnlich wirksam werden. Wir entdecken unsere Umwelt und unsere Traumwelt gleichermaßen in den Tiefen der Kinzer‘schen Mysterienbilder.
Vielleicht hat jemand von Ihnen im letzten Jahr in Berlin – gleich neben der MoMa-Ausstellung - die große Retrospektive für den Fotografen Henri Cartier-Bresson besucht. Von ihm stammt das Zitat: „Ich ging nach Marseille. Ich hatte ein kleines Einkommen und konnte mit Vergnügen arbeiten. Ich hatte gerade die Leica entdeckt. Sie erweiterte mein Auge, und ich habe mich nicht mehr von ihr getrennt, seit ich sie gefunden habe. Den ganzen Tag streifte ich durch die Straßen, war in höchster Erregung und zum Sprung bereit, entschlossen das Leben „festzuhalten“ – das Leben im Zustand der Lebendigkeit aufzubewahren. Vor allem sehnte ich mich danach, in den Grenzen einer einzigen Fotografie das Wesen eines Vorgangs einzufangen, der sich vor meinen Augen abspielte.“
Die Fotografie hielt lange diese neue Perspektive bereit , den Augenblick, eine Stimmung, eine Bewegung einzufangen. Inzwischen hat sich diese Qualität durch die massenhafte Verbreitung von Kameras und die unendliche Produktion fotografischer Bilder verschlissen. Für die Kunst bleibt hier nichts mehr übrig. Alles ist fotografiert, alles ist mit Bildern gesagt. Neue Bilder sind nicht mehr notwendig. Auf dieser Erkenntnis entwickelt Pit Kinzer seine Sichtweise und nutzt vorhandene Bilder. Bilder, die via TV- oder Internet-Monitor in unser Haus gesendet werden; Bilder von durchschnittlicher Aufnahmequalität, ohne Anspruch auf Erfassung in einer internationalen Ikonografie. Man muss nicht nach China reisen, um ein Bild von China zu erhalten. Man muss nicht in Shanghai gelebt haben, um eine Aussage über die Stadt zu treffen, die bedeutendste Industriestadt Chinas mit 13,4 Mio. Einwohnern, das „Tor zur Welt“, die „Perle des Orients“. Ruft man bei Google den Begriff „Shanghai“ auf, erscheinen innerhalb Sekunden 13.900.000 Hinweise. Besonders schön sind die Seiten in chinesischer Schrift – die Welt ist groß. Der Begriff „Shanghai-ed“ – so der Titel der neuen Bildserie von Pit Kinzer - wird ebenfalls erklärt: „Shanghaied“, also die Verbform zum Namen der Stadt, bedeutet „entführt, geschnappt, geklaut“ werden. Shanghai war einst ein zentraler und bedeutender Hafen für Handelsschiffe, Seeleute, Piraten. Es herrschte immer Mangel an Schiffsmannschaft. Es war Usus, Männer in der Stadt unter Alkohol oder Droge zu setzen, um sie auf die Schiffe zu verschleppen. Erst auf hoher See wachten sie auf und erkannten die ausweglose Situation. sie waren shanghaied. - Auch Fotografien können aus ihrem Zusammenhang geklaut, exportiert werden. Diese Tat begeht Pit Kinzer regelmäßig: Er nimmt Bilder aus dem Netz, verarbeitet sie und gibt es auch noch zu, indem er einige Bilder mit „shanghaied“ betitelt. Der Name ist – wie immer bei Kinzer- hintersinnig, doppeldeutig und spaßig.
Die Darstellungen der Serie enthalten indes weniger Amusement oder ausgelassene Reisestimmung. Kinzers Welt ist klein. Die Bilder haben ihre eigene Atmosphäre, die keine authentische Stimmung darstellt, sondern aus einer Bildkombination als Deutung des Künstlers entsteht. Meist zwei konkreten Motive, Hafenstimmung, Personen auf dem Schiff, verschleierte Bilder, Brücken, Lichteffekte, fließende Bewegungen, Wasserreflexe, betont durch eine monochrome Fläche, fügen sich in einem extremen Querformat zu einem Panorama. Kinzer bietet uns aber nur vermeintlich einen Überblick, ein Gefühl der Ankunft in der Stadt vom Wasser aus. Das Einlaufen in eine fremde Stadt, die Orientierung zum Hafen, die leichte Sicht von oben ist ebenso kühl konstruiert wie die Farbgebung. Es sind Farbbilder, denen aber ihr Colorit entzogen ist. Wenn man sich hineinfühlt in die Bilder, scheint es darin immer zu regnen, aber auch das ist ein Trugschluss. In den
Bildern gibt es keine Bewegung, es existiert kein Wetter, kein Leben. Die Materialität – Hochglanzplot auf Aludibond entspricht dieser distanzierten Kalkulation der fremden Welt.
Die Überschrift der Ausstellung „Stadtistisches“ hilft uns auch hier auf die Gedanken-Sprünge. Pit Kinzer geht es nicht um eine mikroskopische Sicht, um Einzelheiten, um eine Frau auf dem Boot oder Menschen am Hafen – ob Shanghai oder Wien, ob Amsterdam oder Berlin, die Bilder sind zufällig gefunden und geschnappt. Jedes Bild kann von Pit Kinzer ästhetisiert werden, neu definiert werden. Dies beweist er uns mit der Werkgruppe „Stadtistisches“ – er tut dies mit Augenzwinkern und Liebe zum Publikum. Er gibt sich als Pädagoge der Bildaufbereitung: Seht her, nichts stimmt! Er wählt die zeitgenössische Sprache der geglätteten Oberfläche, der Vermeidung jeder Botschaft und des Anspruchs der Originalität – in dieser Haltung erweist sich Pit Kinzer als radikal und hochaktuell.
Zum Abschluss möchte ich Ihnen ein Zitat vorlesen, ein Zitat der Essayistin und Kritikerin Susan Sontag, das unseren Blick auf das Verhältnis zwischen Malerei und Fotografie schärfen kann, und eben auch auf den Einsatz von Fotografie in der Kunst, auf die Kunst des Pit Kinzer:
„Malerei und Fotografie sind nicht zwei potentiell konkurrierende Systeme zur Produktion (und Reproduktion) von Bildern, die lediglich zu einer angemessenen Aufteilung des Territoriums kommen mussten, um miteinander versöhnt zu werden. Die Fotografie ist ein Unternehmen anderer Art. Obwohl selbst keine Kunstform, hat die Fotografie die eigentümliche Fähigkeit, all ihre Gegenstände in Kunstwerke zu verwandeln. Die Frage, ob Fotografie Kunst ist oder nicht, wird verdrängt durch die Tatsache, dass die Fotografie neue Ambitionen für die Künste propagiert (und kreiert). Sie ist der Prototyp der charakteristischen Entwicklungen, die sich in unserer Zeit sowohl in den hohen wie auch in den kommerziellen Künsten der Moderne vollziehen: Entwicklungen, die auf eine Verwandlung der Künste in Meta-Künste oder „Medien“ hinauslaufen. ... Die traditionellen Schönen Künste sind elitär: ihre charakteristische Form ist das einzelne Werk, ein „Original“, das von einem Individuum geschaffen wurde; sie implizieren eine Hierarchie der Thematik, in der einige Themen als bedeutend, profund, edel betrachtet werden und andere als unbedeutend, trivial, vulgär. Die Medien sind demokratisch: sie schwächen die Rolle des spezialisierten Produzenten oder auteur (indem sie Verfahren benutzen, die auf dem Zufall basieren oder auf mechanischen Methoden, die jedermann erlernen kann; und indem sie auf gemeinschaftlichen oder kollektiven Bemühungen gründen); sie betrachten die ganze Welt als ihr „Material“. Die traditionellen schönen Künste vertrauen auf den Unterschied zwischen „echt“ und „unecht“, zwischen „Original“ und „Kopie“, zwischen dem guten Geschmack und dem schlechten ; die Medien verwischen diese Unterschiede oder heben sie ganz und gar auf. Die Schönen Künste setzen voraus, dass bestimmte Erfahrungen oder Themen eine „Bedeutung“ haben. Die Medien sind ihrem Wesen nach inhaltslos ...; ihr charakteristischer Ton ist ironisch, ausdruckslos oder parodistisch. Es ist unvermeidlich, dass mehr und mehr Kunstwerke dazu bestimmt sein werden, als Fotografien zu enden. Ein Moderner müsste Paters Ausspruch, alle Kunst strebe nach dem Zustand der Musik, umschreiben. Heute strebt alle Kunst nach dem Zustand der Fotografie.“
An einem sichtbaren Ende dieser Entwicklung sind wir auch in Gersthofen heute angelangt. Ich wünsche Ihnen Genuss beim Betrachten und Diskutieren! Vielen Dank!