PitClown

11.08.2006
Allgäuer Zeitung
Auch feinster Weizen ist dabei
Klaus-Peter Mayr




















Auch feinster Weizen ist dabei
Bei der Festwochen-Kunstausstellung in Kempten sind durchaus kunstpreiswürdige Arbeiten zu entdecken

Eines vorweg um all den Gerüchten und Missverständnissen der vergangenen Wochen entgegenzutreten: Die Kunstausstellung der Allgäuer Festwoche ist sehenswert. Die 63 Werke, die von der Jury aus 377 (!) eingereichten Arbeiten ausgewählt wurden, sind, im Durchschnitt betrachtet, nicht mehr oder weniger interessant als in den vergangenen Jahren. Sie spiegeln erneut das Schaffen der Allgäuer Künstler wider vom naturalistischen Blumenbild (Susanne Praetorius) bis zur abgedrehten Installation (Christian Hörl). Aufregungen hat es im Vorfeld allerdings genug gegeben (siehe auch nebenstehenden Kommentar). Einerseits, weil der Kunstpreis der Stadt Kempten nicht vergeben wurde. Andererseits haben die Äußerungen des BBK-Vorsitzenden und Jury-Mitglieds Helmut Domnik in unserer Zeitung für Irritationen gesorgt bei Künstlern und solchen, die dies sein wollen. Der Berufsverbands-Chef sprach von viel Spreu, welche die Jury vom Weizen zu trennen hatte wobei er mitnichten alle Ausjurierten in die Kategorie Spreu einordnete. Fachleute wie auch das breite Publikum werden immer über das ein oder andere Werk kontrovers urteilen, das nun im Hofgartensaal der Kemptener Residenz zu sehen ist. Spreu ist sicher nicht dabei, manch Belangloses allemal. Ob allerdings feinster Weizen, also kunstpreiswürdige Arbeiten hängen, stehen oder liegen das dürfte heuer vermutlich Thema Nummer 1 der Diskussionen sein. Es gäbe durchaus einige heiße Kandidaten, beispielsweise
Pit Kinzer. Den Unterallgäuer könnte man allein wegen der ideenreichen Werke und ernsten Auseinandersetzungen der vergangenen Jahre auszeichnen, aber auch für die aktuelle Serie "Gerngroß Models", formal bestechende Fotoarbeiten, die auf Aludibond gedruckt sind. Kinzer spiegelt Realität auf absurd-witzige und tiefgründige Weise. Seine eingereichte Arbeit "Im Winter des Lebens" ist vielleicht nicht die beste der Reihe, aber allemal faszinierend.
Christian Hörl. Der Ostallgäuer hat den Kunstpreis zwar schon 1999 erhalten, doch die Statuten verbieten nicht, Künstler ein zweites Mal auszuzeichnen. Seine Kleiderbügel-Installation ist radikal, sperrig, hintergründig und zeitgenössisch im besten Sinn. Weil er den Betrachter schonungslos fordert, ja auch überfordert. Hörl macht ebenfalls seit Jahren Aufsehen erregende Kunst am Bau und erntete zuletzt Lob und Aufmerksamkeit für sein Gefängnis-Projekt "von drinnen nach draußen (zusammen mit Waltraud Funk und Gerhart Kindermann). Manfred Maussner. Seit Jahren überzeugt der ehemalige BBK-Chef aus Immenstadt mit faszinierenden Holzschnitten und Mischtechniken. Er ist einer, der seine Themen intensiv beackert, facettenreich variiert und nie stehen bleibt. Auch beim Farbholzschnitt "Kopfgeschichten" eröffnet sich collagenhaft-symbolisch wieder eine ganze Welt. Erwin Roth. Die Arbeit des Leutkirchers, Kunstpreisträger 1994, ragt aus der Ausstellung heraus nicht nur wegen der schieren Größe (2,40 x 2 Meter), sondern auch weil er raffiniert Blei, Filz und Pigmente zu einer Landschaft von abstrakt-archaischer Kraft komponiert. Da können die Augen viel suchen und finden. Matthias Buchenberg. Warum hat die Jury den Oberallgäuer nicht zum Kunstpreisträger erhoben? Die Eisenskulptur "Drehung eines Körpers" hat sie für einen Ankauf aus den gesparten Preisgeldern vorgeschlagen, aber vor der letzten Konsequenz zurückgeschreckt. Dabei hat Buchenberg noch eine weitere herausragende Skulptur mitgebracht, das raffiniert gestaltete Torso "Was ist hier los". Reife Technik, reifer Ausdruck. Das wären einige Namen, andere ließen sich hinzufügen, etwa Gertraud Küchle-Braun ("Wölbung?"), Bernhard Jott Keller ("schnittstellen"), Max Schmelcher ("Balance I"), Benedikt Zint ("A 5/5) oder Michael Vogler ("Mensch am Grat der Hoffnung"). Sehr interessant sind auch die auf Masten gespießte, drehbaren Kanus des gebürtigen Memmingers Peter Hofer, die im Innenhof der Residenz für eine raumgreifende Wirkung sorgen. Nein, diese Festwochen-Ausstellung, bei der auch wieder das Publikum einen Preis vergeben kann, hält eine Menge Material für Augen und Gehirn bereit.



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