Auch feinster Weizen ist dabei
Bei
der Festwochen-Kunstausstellung in Kempten sind durchaus kunstpreiswürdige
Arbeiten zu entdecken
Eines
vorweg um all den Gerüchten und Missverständnissen der vergangenen
Wochen entgegenzutreten: Die Kunstausstellung der Allgäuer Festwoche
ist sehenswert. Die 63 Werke, die von der Jury aus 377 (!) eingereichten
Arbeiten ausgewählt wurden, sind, im Durchschnitt betrachtet, nicht
mehr oder weniger interessant als in den vergangenen Jahren. Sie spiegeln
erneut das Schaffen der Allgäuer Künstler wider vom naturalistischen
Blumenbild (Susanne Praetorius) bis zur abgedrehten Installation (Christian
Hörl). Aufregungen hat es im Vorfeld allerdings genug gegeben (siehe
auch nebenstehenden Kommentar). Einerseits, weil der Kunstpreis der Stadt
Kempten nicht vergeben wurde. Andererseits haben die Äußerungen
des BBK-Vorsitzenden und Jury-Mitglieds Helmut Domnik in unserer Zeitung
für Irritationen gesorgt bei Künstlern und solchen, die dies sein
wollen. Der Berufsverbands-Chef sprach von viel Spreu, welche die Jury vom
Weizen zu trennen hatte wobei er mitnichten alle Ausjurierten in die Kategorie
Spreu einordnete. Fachleute wie auch das breite Publikum werden immer über
das ein oder andere Werk kontrovers urteilen, das nun im Hofgartensaal der
Kemptener Residenz zu sehen ist. Spreu ist sicher nicht dabei, manch Belangloses
allemal. Ob allerdings feinster Weizen, also kunstpreiswürdige Arbeiten
hängen, stehen oder liegen das dürfte heuer vermutlich Thema Nummer
1 der Diskussionen sein. Es gäbe durchaus einige heiße Kandidaten,
beispielsweise
Pit Kinzer. Den Unterallgäuer könnte man allein
wegen der ideenreichen Werke und ernsten Auseinandersetzungen der vergangenen
Jahre auszeichnen, aber auch für die aktuelle Serie "Gerngroß Models",
formal bestechende Fotoarbeiten, die auf Aludibond gedruckt sind. Kinzer
spiegelt Realität auf absurd-witzige und tiefgründige Weise. Seine
eingereichte Arbeit "Im Winter des Lebens" ist vielleicht nicht
die beste der Reihe, aber allemal faszinierend.
Christian Hörl. Der
Ostallgäuer hat den Kunstpreis zwar schon 1999 erhalten, doch die Statuten
verbieten nicht, Künstler ein zweites Mal auszuzeichnen. Seine Kleiderbügel-Installation
ist radikal, sperrig, hintergründig und zeitgenössisch im besten
Sinn. Weil er den Betrachter schonungslos fordert, ja auch überfordert.
Hörl macht ebenfalls seit Jahren Aufsehen erregende Kunst am Bau und
erntete zuletzt Lob und Aufmerksamkeit für sein Gefängnis-Projekt "von
drinnen nach draußen (zusammen mit Waltraud Funk und Gerhart Kindermann).
Manfred Maussner. Seit Jahren überzeugt der ehemalige BBK-Chef aus Immenstadt
mit faszinierenden Holzschnitten und Mischtechniken. Er ist einer, der seine
Themen intensiv beackert, facettenreich variiert und nie stehen bleibt. Auch
beim Farbholzschnitt "Kopfgeschichten" eröffnet sich collagenhaft-symbolisch
wieder eine ganze Welt. Erwin Roth. Die Arbeit des Leutkirchers, Kunstpreisträger
1994, ragt aus der Ausstellung heraus nicht nur wegen der schieren Größe
(2,40 x 2 Meter), sondern auch weil er raffiniert Blei, Filz und Pigmente
zu einer Landschaft von abstrakt-archaischer Kraft komponiert. Da können
die Augen viel suchen und finden. Matthias Buchenberg. Warum hat die Jury
den Oberallgäuer nicht zum Kunstpreisträger erhoben? Die Eisenskulptur "Drehung
eines Körpers" hat sie für einen Ankauf aus den gesparten
Preisgeldern vorgeschlagen, aber vor der letzten Konsequenz zurückgeschreckt.
Dabei hat Buchenberg noch eine weitere herausragende Skulptur mitgebracht,
das raffiniert gestaltete Torso "Was ist hier los". Reife Technik,
reifer Ausdruck. Das wären einige Namen, andere ließen sich hinzufügen,
etwa Gertraud Küchle-Braun ("Wölbung?"), Bernhard Jott
Keller ("schnittstellen"), Max Schmelcher ("Balance I"),
Benedikt Zint ("A 5/5) oder Michael Vogler ("Mensch am Grat der
Hoffnung"). Sehr interessant sind auch die auf Masten gespießte,
drehbaren Kanus des gebürtigen Memmingers Peter Hofer, die im Innenhof
der Residenz für eine raumgreifende Wirkung sorgen. Nein, diese Festwochen-Ausstellung,
bei der auch wieder das Publikum einen Preis vergeben kann, hält eine
Menge Material für Augen und Gehirn bereit.